Die Geschichte von der armen Ameise
Es war einmal eine Waldameise, die war so arm, dass sie eigentlich eine Armeise war. Die Armeise wollte unbedingt eine reiche Ameise sein. Deshalb fragte sie die Ameisenkönigin um Rat. Die sagte ihr: „Geh in die Welt und such’ dein Glück – doch komm zu uns nie mehr zurück!“ Da war die Armeise beleidigt und ging sofort fort aus dem Hügel und ließ den großen Haufen hinter sich.
Auf ihrem Weg traf sie natürlich eine Wegschnecke. Die war nicht besonders helle und konnte nur sehr schlecht hören. Die Armeise brüllte sie an: „Kannst du mir sagen, wie ich reich werde?“ – „Was willst du, einen Teich erben?“ – „NEIN, ich will REICH WERDEN!“ schrie die Armeise. „Ach so, einen Scheich färben...“ sagte die Wegschnecke, aber da war die Armeise schon weit weg.
Wie sie am Waldrand ankam, traf sie auf einen Igel, der seine Stacheln gerade frisch mit einem Haarwachs eingerieben hatte. Da rief die Armeise entsetzt: „Iiiiiii – Gel!!!“ und rannte davon. Der Igel verstand die Welt nicht mehr und machte sich daran, seinen Freund, den Uhu zu besuchen und ihn um Rat zu fragen. Der Uhu klebte allerdings noch hoch an einem Baum, so dass der Igel sich seine Wartezeit mit frischen Stachelbeeren vertrieb.
Die Armeise war inzwischen an einem Fischteich angekommen. Dort saßen ein paar Fischreiher, die nach Fröschen suchten, weshalb sie eigentlich Froschreiher heißen müssten. Die gefangenen Frösche hatten sie fein säuberlich am Ufer aufgereiht. Da sie so vertieft ins Fangen waren, merkten sie nicht, dass sich ein paar Frösche heimlich, still und laut quakend aus dem Staub gemacht hatten und nun auf die arme Armeise frontal zurannten.
Die Armeise rief noch: „Halt – aaargh...“, aber die Frösche fassten das als Begrüßung auf und überrannten sie. Sie rief ihnen noch hinterher: „Könnt ihr mir sagen, wie ich reich werde?“, doch die Frösche quakten nur etwas Unverständliches, was wie „Rübenquark“ oder „Quarksalber“ klang.
Traurig humpelte die Armeise weiter. Da kam sie an ein Insektenhotel. Die Rezeption war mit einer grünen Spinne mit blaugelben Beinen besetzt. Die Armeise hatte solch eine Spinne noch nie gesehen und rief: „Pah, ich glaub’, ich spinne!“ – „Jawohl, sehr zu Diensten...“ entgegnete die Spinne. „Aber es muss heißen: ‚Ich BIN Spinne, bitteschön.“ Die Armeise war etwas durcheinander. „Jaja, schon gut, ich wollte eigentlich nur wissen, wie ich reich werden kann. Kann mir da jemand in diesem Hotel helfen?“
„Ja, wir haben hier als Gast ein Tier, das ist stinkreich,“ gab ihr die Spinne zurück. „Es wohnt in Zimmer 9,305,711,987!“ – „Bist du sicher, dass das nicht seine Handynummer ist?“ fragte die Armeise. Die Spinne schüttelte ihren Kopf. „Wie komme ich denn zu diesem Zimmer?“ Die Spinne zeigte mit ihren sechs Beinen in sechs verschiedene Richtungen. „Zuerst rechts, dann den Gang entlang, dann links, dann wieder rechts, dann den Aufzug nehmen, in den fünften Stock fahren, dann nach links, die Treppe runter, den Gang entlang, die Treppe wieder rauf. Dort steht ein Aufzug, mit dem fährst du in den Keller. Zweimal links, dann stehst du direkt vor der Tür.“
Der Armeise wurde jetzt ernsthaft schwindlig. „Nein, danke,“ gab sie schwach zurück und drehte sich um. „Da brech ich mir ja sämtliche Beine. Und außerdem: ich mag kein Geld, das stinkt.“ Damit lief sie schnell weiter.
Nach einiger Zeit kam sie zu einem Tausendfüßler. Die mochte sie schon immer, nicht nur wegen ihrer schlanken Beine. „Hey, mein vielbeiniger Freund, kannst du mir sagen, wie ich reich werde?“ – „Na, ganz einfach: du musst aufhören, arm zu sein!“ rief der Tausendfüßler fröhlich. „Aber dann bin ich doch - - „ – „Ja, genau: EISE! Ist doch cool, oder?“ rief er ihr zu. „Naja, Eise zu sein ist mir zu kalt. Da bleib ich lieber eine arme Armeise,“ sagte die arme Armeise etwas traurig. „Dann gibt es nur eins: Du musst viel, viel arbeiten, Armeise, musst dir ein Bein ausreißen, damit du auf einen grünen Zweig kommst und jede Menge Kohle machen kannst.“
Jetzt verstand die Armeise nur noch Bahnhof. Bein ausreißen? Grüner Zweig? Kohle? Wie sollte sie denn auf diese Weise reich werden? „Ich könnte doch lieber dir ein Bein ausreißen,“ schlug die Armeise vor. „Du hast doch genug davon, das würde dir gar nicht auffallen.“ Vor Schreck stolperte der Tausendfüßler und hatte 346 Knoten in den Beinen. Er fluchte laut: „So ein Mist! Da brauch ich wieder 3 Jahre 4 Monate und 6 Tage dazu, bis ich die alle wieder aufgekriegt habe!“ Und er versuchte, der Armeise einen bzw. 327 Tritte zu geben. Die haute lieber schnell ab.
Plötzlich zwitscherte es über ihr. „Flöt, flöt, flöt...“ Die Armeise wollte erst nicht hinhören, sie war immer noch ziemlich deprimiert. „Flöt, flöt, flöt, wer traurig ist, ist blöd!“ Das hatte die Armeise jetzt aber doch gehört und sie plärrte den Vogel über ihr an: „Eh, was fällt dir ein, du hast doch keine Ahnung wie es ist, wenn man eine Armeise ist!“
„Hah, hast du eine Ahnung!“ zwitscherte der Vogel zurück. „Ich bin nämlich eine Armsel.“ – „Na toll, noch so ein erfolgloses Tier.“ moserte die Armeise und wollte schon weitergehen. „Warte,“ schrie die Armsel. „Ich weiß was, was dir helfen kann.“ – „Ach ja, und was soll das sein?“
Die Armsel war inzwischen neben der Armeise gelandet. „Ich kenne da eine Stelle im Wald, da gibt es alles im Überfluss. Da wohnt nämlich ein Reichhörnchen...“ – „Was? Das ist ja sensationell! Ein Reichhörnchen! Vielleicht sogar noch mit Schokoladenfüllung?“ – „Du machst vielleicht Witze! Nein, echt, dieses Tier hat ungeheure Vorräte, ein geräumiges 16-Zimmer-Baumhaus mit fließend Regenwasser und eigenem Pool, dazu ein Fitnessstudio im Wurzelkeller und Flachpilzfernseher in jedem Raum.“
Die Armeise war beeindruckt, keine Frage. „Kann da jeder hinkommen?“ fragte sie vorsichtig. „Ja, solange man arm ist. Und das bist du ja, oder?“
Zum ersten Mal in ihrem Leben strahlte die Armeise vor Glück. „Oh bitte, nimm mich mit, Armsel!“
Da nahm die Armsel die Armeise vorsichtig in ihren Schnabel auf und schluckte sie hinunter. Die ganze Geschichte vom Reichhörnchen war nämlich erstunken und erlogen. „Tja,“ sagte die Armsel beim Wegfliegen zu sich selbst. „Wie die Leute doch immer wieder auf Flachpilzfernseher hereinfallen... immer wieder eine schöne Geschichte.“
Ausgedacht und aufgeschrieben von Emma Schafft, Vinzent Fischer & Stefan Erhardt / Copyright - - Juni 2012