Einmal kam Till Eulenspiegel nach Magdeburg. Dort regierte der König Vogelflug. Dieser wollte alles können und besitzen. Eines Tages saß er im Thronsaal. Der Thronsaal hatte große Fenster und man konnte von dort über die Wiesen und Äcker hinter der Stadt blicken. Es gab in der Mitte der Wiesen einen großen Hügel. Viele Vögel flogen umher. Nachdem der König dieses Treiben beobachtet hatte, seufzte er und dachte: „ Wenn ich nur fliegen könnte. Ich muss fliegen können.“ Also schickte der König viele Boten in die Stadt. Es wurde folgende Nachricht ausgerufen:
Seine Majestät, König Vogelflug,
befiehlt, dass alle seine Untertanen, welche ihn das Fliegen lehren könnten,
unverzüglich zum Palast kommen müssen.
Diese Nachricht hörte auch Till Eulenspiegel. „Wenn ich es schlau anstelle“, dachte er, „fliegt seine Majestät bald.“ Eilig machte er sich auf den Weg zum Palast. Vor dem Palast wurde er von zwei Wachen angehalten. „Was ist Euer Begehr?“, wurde Till sogleich gefragt. „Meine Wenigkeit studiert den Flug der Vögel und da man mir nun sagte, dass seine Majestät, König Vogelflug, fliegen lernen möchte, bin ich sogleich herbeigeeilt.“ Sobald die Wachen dieses gehört hatten, führten sie ihn vor den König. „Ihr wollt mich also die Kunst des Fliegens lehren?“, erkundigte sich König Vogelflug. „Mit Verlaub, Eure Majestät, da Ihr es so wünschet.“, antwortete Till. „Und Ihr Name ist...“ „Herr Brausewetter untertänigst. Der Vogelflug ist eine komplizierte Angelegenheit und für den Menschen ist diese Technik nicht einfach zu erlernen.“ „Wie viele Gulden gedenken Sie zu verlangen?“, fragte König Vogelflug. „Wie gesagt, die Technik ist nicht einfach. Von gewöhnlichen Leuten nehme ich 50 Gulden, doch bei Euch will ich eine Ausnahme machen. Sagen wir 40 Gulden.“, beschloss Till. Der König war einverstanden, doch er dachte sich: „Wenn ich fliegen kann, hole ich mir mein Geld wieder.“ Laut sagte er: „Gut, was muss ich tun?“ Till ordnete an: „,Ihr müsst jeden Tag bei Sonnenaufgang 100-Mal mit den Armen flattern, so wie ein Vogel.“ Der König versprach dieses zu tun. Nach zwei Wochen kam Till in den Palast und erklärte: „Eure hochwohlgeborene Majestät, morgen werdet Ihr zum ersten Mal richtig fliegen. Findet Euch morgen, wenn die Turmuhr drei Mal schlägt, bei dem großen Hügel ein. Ladet auch all Eure Untertanen ein. Alle sollen sehen, wie Ihr fliegt.“ Also schickte der König einen berittenen Boten in die Stadt und alle eilten am nächsten Tag zum großen Hügel. Zuletzt kam Till mit König Vogelflug. Als sie ganz oben auf dem Hügel waren, flüsterte Till: „Eure Majestät, bei drei fangt Ihr einfach an zu fliegen. Ihr müsst kräftig mit den Armen wedeln, so wie Ihr es jeden Tag getan habt.“ Zum Volk rief Till: „Ich, Herr Brausewetter, habe seiner Majestät, König Vogelflug, die Grundlagen vom Fliegen beigebracht. Nun wird seine Majestät den Traum vom Fliegen in die Tat umsetzen. Bei der Zahl drei wird seine Majestät elegant durch die Luft fliegen. Ich zähle nun. Eins...zwei... drei!“ Damit gab er dem König einen mächtigen Schubs. König Vogelflug fiel wie ein Stein zur Erde, immer mit den Armen rudernd. „Herr Brausewetter, Sie sind unverschämt. Wieso haben Sie mir einen Schubs gegeben? Ich bin runtergefallen und konnte nicht fliegen!“, rief der König, als er gelandet war. „Wieso regt Ihr Euch so auf? Dieser Flug war erstklassig, fast perfekt. Ihr hättet ein bisschen sanfter mit den Armen rudern müssen, das sähe eleganter aus! Übrigens bin ich Till. Jawohl, Till Eulenspiegel. Und ich habe mir mein Geld mit schwerer Arbeit verdient!“, lachte Till. König Vogelflug schrie heiser: „Haltet ihn, fesselt ihn, sperrt ihn ein!“ Doch seine Untertanen lachten nur und ließen Till durch. Bis die Wachen losliefen, um Till zu fangen, war der schon über alle Berge. Die Leute aus Magdeburg jedoch lachten noch lange über diesen gelungenen Streich und sie fanden, dass der Name Vogelflug nun noch besser zu ihrem König passte.
Johanna, 6a