Feuer! Lichterloh brannte der Wald, während ab und zu ein paar koboldähnliche Wesen hin und her hüpften, um sich in Sicherheit zu bringen. Zwischen einer großen Eiche und einer Fichte stand eine Gestalt. Im Schatten der großen Eiche konnte man kaum erkennen wer oder was diese Gestalt war. Sie hob beschwörend die Hände zum Himmel, der schon über und über mit Rauch bedeckt war, und flüsterte leise unverständliche Laute. Diese Gestalt war unscheinbar, jedoch machte sie einen fremden und seltsamen Eindruck.
Plötzlich fing die große Eiche, die so stabil ausgesehen hatte, Feuer. Die Gestalt schaute sich erschrocken um und erkannte, dass die Eiche umzufallen drohte. Schließlich passierte, was kommen musste: der Baum fiel krachend zu Boden. Umringt von brennenden Bäumen stand dort immer noch die Gestalt. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie sich erschrocken um, um auch nur eine frei Stelle zu finden, um dem Feuer zu entkommen.
Auf einmal fiel ein brennender Ast direkt auf die Gestalt zu. Das Feuer erfasst die Gestalt, die in Flammen aufging und auf der Stelle ohne einen Laut reglos zu Boden fiel. Das Licht, das jedes Lebewesen in den Augen zu haben scheint, war bei dieser Gestalt erloschen. Mit immer noch aufgerissenen Augen blieb die Gestalt liegen und –
Mit einem Schrei fuhr Chris aus seinem Traum, während er sich in seinem nur zu altbekannten Zimmer umsah und zu seiner Erleichterung feststelle, dass alles wie immer war, der Schreibtisch mit dem ganzen Krimskrams stand an seinem Platz ebenso wie der Schrank, der über und über mit Postern beklebt war. „Chris, es ist acht Uhr, du musst aufstehen!“, rief seine Mutter. Plötzlich hörte Chris, wie Schritte die knarrende alte Holztreppe heraufkamen. Kurz darauf stand seine Mutter in der Tür. „Hast du mich nicht gehört? Ich habe dich gerufen!“. „Doch, doch, ich habe dich gehört“, antwortete Chris, „ich komme sofort“. Er stand auf, zog sich schnell an und ging mit dem vertrauten Knarren die Treppe hinunter. Unten angekommen holte er sich aus dem Schrank sein Müsli und Milch und verspeiste es genüsslich.
Mutter kam nach unten in die Küche und fragte: „Chris, nachdem du ja jetzt Ferien hast, könntest du doch eigentlich mal wieder in die Bibliothek gehen, oder? Du suchst doch sowieso immer Bücher zu lesen.“ „Ja, Mam, das ist eine gute Idee, da fahre ich gleich hin. Bis bald!“, rief Chris, schwang sich auf sein Fahrrad und machte sich auf den Weg zur Bibliothek.
Dort angekommen öffnete er die bereits sehr heruntergekommene Tür. Mit einem lauten „Knarz" schwang die schwere Türe auf. Als er eintrat, fragte die Bibliothekarin freundlich: „Hallo Chris, da bist du ja mal wieder, hast du etwas zurückzubringen?" „Nein, ich habe schon alles zurückgebracht", gab er prompt zurück. „Gut, dann sieh dich ruhig ein wenig um".
Eigentlich wusste Chris nicht recht, was er hier machen sollte. Also schlenderte er einfach durch die Bibliothek und hielt Ausschau nach einem guten Buch. Auf einmal kam es ihm vor, als ob ihn jemand beobachtete. Es sah sich um, konnte aber niemand sehen. Das komische Gefühl ging von der letzten Abteilung aus. Chris wusste nicht, was, aber irgendetwas zog ihn an diesem letzten Abteil an. Mit flotten Schritten ging er darauf zu. Dort angekommen sah er sich in dieser Regalreihe um. Ganz oben auf dem Regal stand neben einem großen Buch ein Schild mit der Aufschrift „Von Fantasy bis Krimi". Allerdings wunderte er sich sehr über die Bücher. Denn, als er ein besonders dickes Buch aus dem Regal nahm und den Titel betrachtete, fiel ihm auf, dass dieser in keiner ihm bekannten Sprache geschrieben war, ja so seltsam, wie er aussah, schien er in überhaupt keiner Sprache von dieser Welt geschrieben zu sein. Er öffnete das Buch vorsichtig und blätterte es durch. Es stand nur ein Anfang dort, ansonsten hatte das Buch nur leere Seiten. Auch dieser Anfang war in derselben seltsamen Schrift. Es stellte das Buch zurück in das Regal und holte stattdessen ein anderes heraus. Dieses Buch war in Englisch geschrieben, sein Titel lautete: „The Room of the Doom". Chris wusste, dass das „Das Zimmer des Verderbens" hieß.
Chris öffnete auch dieses Buch und plötzlich wurde er von einem heftigen Wirbelsturm erfasst: „Hilfe, aaaaaaahhhhhhh!" Chris wurde geschleudert und geknetet. Es war, als würde er durch einen Gummischlauch gezwängt, der viel zu eng für ihn war, aber gleichzeitig war es auch wie ein Hurrikan. So plötzlich wie das ganze Schauspiel gekommen war, hörte es wieder auf. Mit einem dumpfen und bestimmt sehr unsanften Aufprall landete Chris auf weichem Sand, was den Aufprall nicht ganz so heftig machte. Chris rieb sich den schmerzenden Kopf und sah sich um. Er vermutete, er befand sich in Amerika, auf einer der Inseln des Santa-Barbara-Kanals, von denen er erste letzte Woche im Erdkundeunterricht Bilder gesehen hatte. Er fragte sich aber, wie er auf eine der amerikanischen Inseln kommen konnte. Aber schließlich machte er sich auf den Weg, die Insel ein wenig zu erkunden. „Was war das?", fragte sich Chris selbst. „Das dwarst du, du Dummdopf!", piepste eine Stimme. „Ich?" „Du!". Chris machte das Spielchen weiter und sah sich um, um das Etwas zu finden, mit dem er sich unterhielt. „Warum ich?", fragte Chris. „Dweil du auf mich gedeten bist!", antwortete die Stimme. „Bist du denn so klein?", fragte Chris. „Dein, aber du bist auf meinen Dschwanz gedeten!". Chris: „Ach so, nur dein Schwanz!". Aber plötzlich dachte er nach und überlegte, was diese Etwas wohl sein konnte und welche Größe es haben könnte. Schließlich rief er entgeistert: „Was, auf deinen Schwanz?". „Da, dauf meinen Dschwanz, dund jetzt ziehe ich dir dafür eins düber!". Später konnte sich Chris nur noch erinnern, dass einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf bekommen hatte und dann wohl bewusstlos geworden war…
Mit starken Kopfschmerzen wachte Chris auf. Aber er befand sich nicht, wie erwartet, in seinem Zimmer, sondern in einem fremden, unbekannten Raum. Es war ein strahlend blauer, sonniger Tag. Die Sonne schien ins Zimmer und neben dem Bett, in dem Chris lag, hatte jemand seine eigenen, frisch gewaschenen Kleider hingelegt. Chris zog die Kleider an. Sie waren ein bisschen klein nach dem Waschen geworden, aber ansonsten ganz gut. Auf einmal klopfte es. „Herein!“, rief Chris. Die Tür öffnete sich quietschend und zum Vorschein kam ein Tier, nun ja, es war wohl kein Tier, sondern ein koboldähnliches Wesen. „Dallo“, sagte es. „Hallo“, sagte Chris, der das Tier sofort erkannte: „Wer bist du? Wo bin ich? Was bist du?“ „Duiii, das sind aber viele Dragen auf einmal!“, sagte es, „das dist aber egal. Ich bringe dich nach dunten zum Dönig.“ Chris: „Dokay, ich meine Okay, aber –“. „Dichts daber, dunter dit dir. Übrigens, ich heiße Dschimli.“ Mit diesen wenigen Worten schob das Wesen ihn einfach aus dem Zimmer.
Dschimli führt ihn durch Treppen und Türen und durch Türen und Treppen. Chris kam es vor wie eine Stunde, während er herumgeführt wurde. Endlich kamen sie an. Vor der Tür standen Wachen in silbernen Rüstungen, aber als die Wachen Chris und Dschimli sahen, öffneten sie die Türen, und bedeuteten ihnen, einzutreten. Als sie den Raum betraten, klappte Chris erst einmal der Mund auf, denn dieser Raum war keineswegs einfach ein Raum sondern eine riesige, mit Gold verzierte Halle. Dschimli führt ihn quer durch die Halle direkt auf einen goldenen Thron zu. Als sich die beiden dem Thron näherten, erkannte Chris, wer auf dem Thron saß. Es war ein Elf, nun ja, ein Halbelf und gleichzeitig ein Fisch, denn der Oberkörper und der Kopf waren die eines Elfen, während der Unterkörper wie bei einem Fisch gestaltet war. Dschimli verbeugt sich vor dem anscheinenden König und zog an Chris Hemd, dass er sich auch verbeugen sollte. „Das ist der Dönig“, raunte er ihm zu. Chris verbeugte sich nun ebenfalls. Der König sagte: „Seit gegrüßt, Dschimli und du, Mensch“. Er wendete sich an Dschimli und sagte: „Hast du unseren ‚Gast’ ordnungsgemäß begrüßt?“ „Ja, Derr!“, rief Dschimli eifrig. Chris dachte sich verächtlich, „na, wenn der unter ordnungsgemäßer Begrüßung das Bewusstlosschlagen versteht, wird das ja ein toller Aufenthalt“.
König: „Nun gut, ich will unserem Gast einmal erklären, was das hier alles bedeutet. Es gibt eine Legende von einem magischen Schwert, dem Schwert von Phalas. Einst wütete ein Drache in der Stadt Phalas und verwüstete sie mit dem Feuer, das er spie. Aber es gab eine Prophezeiung eines weisen Druiden. Eines Tages sollte nach vielen Jahrhunderten ein besonderer Mensch geboren werden, wie in folgendem Gedicht:
‚Erschaffen aus Erde, erschuf ihn das Feuer,
der Wind und das Wasser, das Feuer, die Erde,
aus Wind wurd’ erschaffen.
Ein Schwert wurd’ zerbrochen, die Teile zerstreut,
ein Junge wird siegen…’ “
Hier machte er eine Pause und fuhr dann mit verächtlichem Ton fort:
“ ‚Ein Drache getötet, die Seite der Guten,
wird wieder vereint.’ “
„Ein bisschen viele ‚erschaffens’, oder?“. Der König überhörte diesen Kommentar und fuhr fort. „Nur dieser besondere Junge kann mit dem magischen Schwert den Drachen töten, der immer noch durch die magische Welt streift. Und diese Auserwählte wird ein Zeichen bekommen des Sterns von Avalon, einer rötlichen Sternschnuppe, die in der Nähe des Auserwählten niedergehen wird. Außerdem wirst du dich wohl fragen, warum man sich die Mühe macht, dich herzubringen, nicht wahr? Und genau zu mir!“
Chris: „Ich habe gestern von einem Wesen wie Dschimli und dir geträumt!“ „Erzähle mir diesen letzten Traum!“, rief er mit einem so befehlenden Ton, dass er Chris Angst einjagte. „Äh, äh“, stotterte er, „äh, also, ähm, es ist eine Ge..gestalt vorgekommen, und sie ist verbrannt, im Wald, im brennenden Wald.“ „Dschimli!“ schrie der König, und verwandelte sich vor aller Augen in einen riesigen, hässlichen Drachen. „Du und dein verfluchtes Volk, ihr habt ihm einen Traum geschickt, der ihn warnen sollte!“ Dschimli kauerte sich ängstlich in einer Ecke zusammen. Der Drache wandte sich Chris zu und brüllte „Jetzt siehst du meine wahre Gestalt! Du bist der Junge aus der Prophezeiung! Ich werde die Prophezeiung Lügen strafen und dich jetzt töten! Kämpfe gegen mich!“ Während Chris immer mehr zurückwich und Dschimli immer noch in der Ecke kauerte, stieß er plötzlich gegen etwas Hartes. Es sah sich um und sah ein kleines Podest auf dem ein zerbrochenes Schwert lag. Das Schwert übte eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Ohne zu wissen, was er tat, legte er seine Hand auf den Griff. Wie von Geisterhand setzte sich daraufhin das Schwert zusammen. „Was ist das? Was passiert da? Hilfe!“ , rief Chris erschrocken.
Plötzlich war es in der Halle totenstill, denn der Blick des Drachen hatte Chris erfasst. Sein Schwert leuchtete auf, erhob sich in die Luft und kämpfte von selbst. Es traf den Drachen, der jämmerlich aufschrie und mit weit geöffneten Wunden zu Boden sank.
„Junge, warum schreist du denn so?“ Chris schlug langsam die Augen auf und sah die Bibliothekarin neben sich stehen. „Was ist passiert?“, fragte Chris. „Dir ist wohl dieses schwere Buch aus dem oberen Regal auf den Kopf gefallen, jedenfalls lag es neben dir auf dem Boden“, sagte die Bibliothekarin. „Ja, das war es wohl. Ich war kurz bewusstlos, glaube ich jedenfalls“, sagte Chris, „aber jetzt fühle ich mich wieder wohl“. Er hob das schwere Buch vom Boden auf und stellte es wieder ins Regal. Dabei blieb sein Blick an dem Titel des Buches hängen: „Das Schwert von Phalas“.
Wie benommen radelte Chris nach Hause. Aber als er zu Hause ankam, lag auf seinem Nachttisch ein Bild von einem koboldähnlichen Wesen mit lächelndem, dankbarem Gesicht.
Ende!